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19092026



Heute fange ich mit etwas BlaBla an, eben so wie immer. Keiner hier erwartet 
ernsthafte Texte, oder? Eben. Na ja, wartet mal ab.

Ersthilfe, viele kennen es. Wer seinen Führerschein nicht beim Schwarzfahren 
mitten in der Nacht auf der Straße gefunden hat, die Umstände lassen wir mal 
außer acht, wird einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben. Wir hatten sogar damals 
in der Schule so etwas. Für viele war es das dann auch meist, oder? In Firmen 
gibt es Erst-Helfer, welche geschult werden. Auch gibt es einige Berufe wo 
eine entsprechende umfangreiche Schulung vorgegeben wird. Ich selbst habe im 
Laufe meines Lebens mehrere solcher Schulungen gemacht, nicht immer freiwillig.
Ich habe da so eine geteilte Meinung zu. Wenn man immer und immer wieder die 
selben Dinge lernt, dann wird es nervig. Ich habe sogar das löschen von 
Fahrzeugbränden gelernt, es war mal bei einer Schulung und da brannte ein 
richtiges Auto und dann soll man es löschen. Brennende Person zB mit einer 
Decke zum fallen bringen und löschen, also mit der Decke die Flamen ersticken. 
Es war eine Puppe aber es wurde richtig praktisch geübt. Und noch so manche 
Dinge. Beatmung und stabile Seitenlage und so ist ja Standard. 
Druckverbände usw., man wird für den Fall der Fälle geschult. Meist wird man 
aber dann real nur mit "Kleinigkeiten" konfrontiert. 
Wer von euch würde es sich heute trauen zB bei einem Unfall zu helfen? 
Ich habe dabei viele Leute erlebt, die einfach Angst hatten etwas falsch 
zu machen. Ich muß da an einen Arzt denken, wegen Herzmassage und so, wenn 
man dann jemanden zB die Rippe bricht. "Würden sie lieber tot sein oder eine 
gebrochene Rippe haben welche wieder heilt? Sehen sie, so wird es auch dem 
Opfer gehen, da wird sich sicher niemand wegen der Rippe beschweren wenn er 
danach weiter leben kann.". In einer der Schulungen, jemanden zB aus einem 
Auto ziehen. Jeder kann das. Eine kleine zierliche Frau konnte es und ich 
konnte es. Ihr könnt es dann bestimmt auch. Wir haben die Griffe gelernt, 
unter die Schulter und dann die Arme greifen, aber egal wie, lasst sie nicht 
zB in einem brennenden Auto. Man soll aber auch nicht jeden einfach aus dem 
Auto zerren, je nach Verletzungen könnte das unschön sein. Eigentlich sagt 
einem der Verstand, ob man noch Zeit hat und erst mal abwartet oder ob eine 
Notsituation da ist wo die Person sofort bewegt werden muß.
Selbst wenn man nicht alles richtig macht, man sollte helfen. Jeder so 
wie er kann und unter Berücksichtigung des Eigenschutzes.

Ein Verkehrsunfall, Leute fahren daran vorbei und halten nicht an. Es wird 
nicht gefragt ob Hilfe benötigt wird. Unterlassene Hilfeleistung, dafür 
kann man bestraft werden. Tötung durch Unterlassung gibt es auch noch.
Es ist nicht nur in Deutschland so. In einem anderem Land, Kameras für 
die Verkehrsüberwachung und ein Unfall. Zum Glück nichts schlimmes passiert 
aber der Krankenwagen wurde dann doch noch gerufen. Kommentar der Polizei 
dort: Erschreckend wie viele einfach vorbei gefahren sind, da werden einige 
noch Post deswegen bekommen weil es von den Kameras aufgezeichnet wurde.

Ist es die Angst vor so einer Situation? Etwas falsch machen zu können? 
Oder ist es, weil einem die anderen Menschen egal sind? Evtl. alles zusammen.

Ich bin sicher, die Menschen, welche an einem Unfall vorbei fahren, würden zB 
bei einer Katastrophe sofort den Menschen um ihnen herum helfen. Sie würden 
nicht darüber nachdenken, sie würden den Verletzten helfen wollen und zB 
irgendwie die Blutung stoppen. Sie würden jemanden aus den Trümmern ziehen 
und der Person helfen. Sie würden nicht darüber nachdenken, ob sie es sollten 
oder ob sie etwas falsch machen könnten. Sie würden es einfach tun.
Doch unser Alltag, unser Miteinander, unsere Gesellschaft ist so abgekühlt, 
so ausgegrenzt und so auf sich selbst fixiert, da fahren die Leute dann eben 
einfach weiter, ohne Mitleid, ohne Reue, ohne darüber nachzudenken.
Schon alleine das es Gesetze geben muß welche die Menschen zur Hilfe drängen 
sollen, ist das nicht armselig? Etwas was selbstverständlich sein sollte 
muß per Gesetz angeordnet werden. Und das schlimme daran, so viele helfen 
trotzdem nicht.

Wann hattet ihr eure letzte Erste-Hilfe oder Brandschutzschulung? 
Zu wissen wie und es geübt zu haben kann einem die Angst davor nehmen. 
Es ist manchmal so einfach ein Held zu werden, jemandem das Leben zu retten.


Ivie hat mich mit zwei Themen konfrontiert. Beide beziehen sich mal mehr mal 
weniger auf meine Engel. 

Meine Engel starben nun vor mehr als zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall. 
Auch wenn damals Menschen sofort versucht haben zu helfen, man kann nicht 
immer gewinnen. Sie waren im Fahrzeug eingeklemmt. Unsere Tochter starb 
sofort. Meine Frau später im Krankenhaus. Ich war nichtmal bei ihnen. 

Der Brief, ich erwähnte ihn mal vor kurzem. Ein Brief aus Frankreich, von 
dem Fahrer des LKWs der meine Engel getötet hatte. Ich schrieb, ich habe ihn 
nicht geöffnet aber ich habe ihn auch nicht weggeschmissen. Er lag ungeöffnet 
im Schrank. 

Ivies Wunsch an mich, an ihrem Geburtstag, war, daß ich den Brief lese. 
Ich hatte es ihr versprochen doch ich zögerte. Jaqueline war auf Ivies 
Seite, ich sollte es nutzen um abzuschließen. 
Jaqueline kannte meine Engel, jedes mal wenn sie ihre Eltern hier in 
Deutschland besuchte kam sie auch mal zu uns. 
Dann ist da jemand, der meinen Engel schon kannte bevor sie mich traf. 
Die Freundin meines Engels, Ivies Freundin, diesmal anders herum, war 
eher auf meiner Seite. Egal was in dem Brief steht, es ändert nichts mehr.

Es kam damals vor Gericht, er bekam eine Strafe aber er musste nicht ins 
Gefängnis oder so. Es war ein Unfall, jeder kann mal ein paar Sekunden 
unaufmerksam sein. Sie standen da, es war nicht so, daß alle plötzlich 
eine Vollbremsung machten. Er konnte schon lange sehen, daß dort ein Stau 
war. Es waren nicht nur ein paar Sekunden, es war fahrlässige Tötung. 
Das Gericht sah es anders. Er hatte Familie und er bekam eine milde 
Strafe. Es zählten eben nur die lebenden Familien, nicht die toten.
Das Gericht machte sich Sorgen um die Zukunft seiner Familie, meine 
hatte ja keine mehr.
Die Familie meines Engels hatte klare und unschöne Worte dazu. Zu dem 
Gerichtsurteil und zu ihm. 
Ich wollte nicht mit ihm sprechen, ich konnte es nicht. Ich wollte nicht 
Rache, evtl. hatte ich auf Gerechtigkeit gehofft, aber ich konnte ihm 
auch nicht vergeben. Ich wollte meine Engel zurück doch niemand konnte 
sie mir zurück geben. Weder das Gericht, noch der Seelsorger oder dieser 
Pfarrer welcher mir Gottes Wege erklären wollte. Er merkte wohl erst, 
daß ich nicht zu seinen Schafen gehören will, als ich ihm sagte: 
Dieu est mort, j'étais à ses funérailles.
Ja, ist nicht unbedingt von mir aber ich habe es oft gesagt. Und es passte 
auch so gut.
Was es auf Deutsch heißt? Gott ist tot, ich war bei seiner Beerdigung.
Ihr erkennt evtl. die Doppeldeutigkeit, ich war auf einer Beerdigung.
 
Interessant, wie der Pfarrer darauf reagierte. Er konnte mir nicht erklären 
warum zwei wunderbare unschuldige Frauen sterben mussten und der Täter eine 
milde Strafe als Belohnung bekommt. Welcher Gott würde so einen "Weg" wählen?
Was ist der Sinn davon? Ungerechtigkeit? Wenn er mich prüfen wollte, warum 
mussten dann sie sterben? So viel bin ich sicherlich nicht wert, was soll 
dieses "du wirst geprüft" Gerede. Gott hätte mir einen Fragebogen schicken 
können. 

Ich wollte nie Kontakt mit ihm. Ich fand es besser so. 
Nun ist da dieser Brief von ihm. Und Ivie wollte, daß ich ihn lese.

Ich habe ihn gelesen. Alle beide.

Er machte sich die Mühe nach alle den Jahren meine Adresse heraus zu bekommen 
und mir zu schreiben. Ein zweiter Brief war dabei, von seinem Sohn. 

Was nun? 

Dies ist der zweite Versuch, darüber zu schreiben. 

Es ist sicherlich nachvollziehbar, daß es nicht einfach ist den Brief zu 
lesen und sich dann Gedanken dazu zu machen. 

In der Zwischenzeit haben weitere Leute die Briefe gelesen. Die Freundin 
meines Engels, sie waren sehr lange gute Freunde. Ich fragte sie, ob sie 
ihn lesen möchte. Sie las ihn, aber nur mit ihrem Mann zusammen. 
Die Eltern meines Engels, auch ihnen bot ich es an, den Brief zu lesen. 
Ihr Vater las ihn, ihre Mutter nicht. 
Ich bin sicher, ich war nicht der Einzigste welcher wieder Tränen vergossen 
hatte. 

Sie werden nicht vergessen werden.


Anfang des letzten Jahres fing ich mit diesem Blog an wegen meinen Engeln.
Alle die Jahre nach dem Unfall konnte ich dann nicht mehr. Sich zurückziehen 
und verdrängen hilft nicht dauerhaft. Man macht weiter weil man weiter machen 
soll. Man "flüchtet" sich in Arbeit und ... Arbeit. Man hatte nichts anderes 
mehr um sich abzulenken. Letztes Jahr wurde es mir zu viel. 
Davor war es schon mit meiner Mutter. Ein Notfall, sie konnte sich nicht mal 
mehr bewegen, ihr Gesicht war teilweise gelähmt. Im Krankenhaus wurde sie 
erst mal wieder "aufgerichtet". Kurz vor Weihnachten wurde sie in Bethel in 
BI am Kopf operiert. Es wird jetzt keiner wissen aber wo ich mit meinen Engeln 
lebte und wohnte war in dem Bereich wo Bethel ist. Kein ungewöhnlicher Zufall, 
wenn man dort gewohnt hatte. Meine Kollegin war damals schwanger. Ist doch 
schön und ich weiß auch nicht ob es was damit zu tun hat. Aber es löste etwas 
in mir aus. Dann der Jahrestag des Unfalls, er war noch weit weg, Monate. Aber 
die Gedanken waren den ganzen Tag bei meinen Engeln. Ich fing damals den Blog 
hier an um ein Ventil zu haben. Ich dachte immer nur noch an meine Engel, die 
guten und die weniger guten Erinnerungen. Selbst die schlechten Zeiten waren 
gute Erinnerungen weil meine Engel dabei waren. Als ich den Blog anfing hatte 
ich kaum noch geschlafen. Ich kam nicht zur Ruhe, selbst wenn ich mich hinlegte 
konnte ich nicht schlafen und stand irgendwann wieder auf. Ich schrieb einfach 
alles auf, was mir durch den Kopf ging und sogar was ich machte. Lange Texte 
welche über Stunden geschrieben wurden. 
In den letzten Jahren dachten die Leute immer, ich sei so stark und ich stecke 
so viel weg. Sie irrten sich. 
Letztes Jahr war ich auf der Arbeit traurig. Keine blöden Kommentare, keine 
Sprüche von mir, aber hier und da Tränen in den Augen. Wenn ich nach Hause kam 
heulte ich, ich nutzte Handtücher und keine Taschentücher, ungelogen. 
Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr, wofür denn auch. 

Ivie "stolperte" in mein Leben und alles änderte sich. Es war nicht, daß da nun 
jemand war für den man da sein kann. Es war und ist mehr. 

Ich werde den Inhalt der Briefe nicht wiedergeben, es ist sicherlich 
verständlich warum ich es nicht tue. 

Da sind Menschen welche nur an sich und ihr Leben und ihr Wohlergehen denken. 
"Laß es hinter dich und vergiss es", alle diese Sprüche welche dieses 
egoistische und empathielose Denken rechtfertigen sollen. 
Wer seine Vergangenheit ignoriert und verleugnet hat Angst vor sich selbst und 
was man war und was aus einem geworden ist.

Der Brief, oder die zwei Briefe, kamen bereits vor einiger Zeit an. Ich weiß 
nicht wie lange es gedauert hatte sie zu schreiben. Aber man denkt dann 
darüber nach, warum sie geschrieben wurden. Letztes Jahr war es 10 Jahre her. 
Ein guter Grund nochmal darüber nachzudenken. 

Eine wunderbare und unschuldige Frau und ihre wunderbare junge Tochter wurden 
durch ihn getötet. Es war kein technischer Defekt, nicht unvermeidbar. 

Ich gab mir die Schuld, ich hätte mit ihnen fahren sollen oder wenigstens 
bei ihnen sein sollen. 

Nach 10 Jahren hat auch er immer noch Schuldgefühle. Er ist nicht so kalt 
und emotionslos wie andere Menschen. Er vergisst es nicht, wie er schrieb, 
bis zu seinem Lebensende wird er es nicht vergessen und die Schuld mit sich 
tragen. 

Warum jetzt? 

Sein Sohn, mittlerweile erwachsen, schrieb auch, um wohl die Glaubwürdigkeit 
seines Vaters zu unterstreichen, daß sein Vater immer wieder daran denken 
musste und muß. Auch seine Familie hätte das Thema nie verdrängt oder 
verschwiegen. Vor Gericht, und das fand ich nicht schön, wurden Bilder von 
meinen Engeln gezeigt, lebend und lachend, um dann die Bilder des Unfalls und 
danach zu zeigen. Es war wohl so ein Psychotrick oder so etwas damit er vor 
Gericht zusammenbricht und gesteht oder so. Ich hätte niemals mein OK dazu 
gegeben aber ich wurde nicht gefragt. 

Im Gerichtssaal sind damals "Leute" zusammengebrochen, er nicht, er sagte nur, 
daß es im Leid täte. 

Er würde die Bilder und Gesichter meiner Engel nie wieder vergessen. Auch 
seine Familie, welche damals im Gerichtssaal war, würde die beiden nicht 
vergessen. Ja, wenn die Opfer plötzlich Gesichter bekommen und man sieht, 
daß es wunderbare Menschen waren. 

Mir fällt es schwer darüber zu schreiben. 

Wir haben es ja alle mitbekommen wie "kalt" er war, auch wenn er immer wieder 
sagte, wie leid es im täte. Es wurden damals viele Tränen vergossen aber 
wohl nicht von ihm.

In dem Brief schrieb er, daß er damals an sich und seine Familie denken musste, 
es täte ihm leid, daß es damals zu keiner Aussprache kam. 
Und ja, er schrieb sehr oft, daß es im leid täte. So wie er es damals immer 
wieder gesagt hatte.

Nur Worte, schnell ausgesprochen oder geschrieben.

Sein Sohn bat mich, in seinem Brief, seinem Vater zu vergeben. Sein Vater 
würde sich immer wieder Vorwürfe machen. 

Ich schrieb schon, ich überlegte ob ich den Brief überhaupt beantworten 
solle. Ich sprach mit Menschen, welche damals dabei waren, darüber. Aber auch 
mit Menschen die nicht dabei waren. Ivie und Jaqueline sagten, ich solle 
nicht vergessen aber es abschließen. Die Freundin meines Engels unterstütze 
mich, daß es nichts ändert und es zu spät ist. Wie soll ich, oder wir, ihm 
vergeben? Die Eltern meines Engels sind uneinig. Ihre Mutter verweigert 
jegliche Auseinandersetzung mit dem Brief. Er wird in der Hölle schmoren, 
daran würde so ein Brief nichts ändern. Ihr Vater sieht das etwas anders. 

Der Brief ging an mich, nicht an ihre Eltern. Aber er nannte auch die Familie 
meiner Engel, also uns alle, in dem Brief. 

Ich habe geantwortet. Der Vater meines Engels hat meine Antwort 
korrekturgelesen. Die Briefe waren auf Französisch und ich antwortete auch 
auf Französisch. Doch so gut ist mein Französisch evtl. nicht und er half 
mir dann dabei. Er machte auch noch ein paar Vorschläge. 

Ja, ist/war nicht so einfach. 
Ich sehe keinen Grund, daß er zB dazu gezwungen war den Brief zu schreiben. 
Seine Bewährungsstrafe ist längst vorbei. Er wird keinen Vorteil durch den 
Brief haben oder einen Nachteil wenn er ihn nicht geschrieben hätte. 

Wenn er so kalt und egoistisch und gefühllos ist, warum hat er dann immer 
noch Schuldgefühle? Derart, daß er einen Brief schickt. Warum ist auch seine 
Familie dabei und bittet um Vergebung? 

Tote können nicht reden oder schreiben. Doch ich weiß wie Freni reagiert 
hätte. Ich weiß, was sie mir bestimmt gesagt hätte. Unsere Tochter ist 
tot und sie hätte vergeben? Nein, hätte sie nicht. Aber sie hätte auch 
nicht gewollt, daß das Andenken an sie durch Hass und jemandem das 
Schlimmste wünschen belastet wird. Es würde ihr nicht darum gehen zu 
vergeben, es würde ihr darum gehen nicht zu hassen und sein Herz zu 
verschließen. Was kann seine Familie dafür, was kann sein Sohn dafür.
Empathie einfordern, wenn man selbst keine hat? Nun, sie hatte sie.

Ich fragte die Freundin meines Engels, sie ist mittlerweile Ivies 
Freundin und auch eine Freundin für mich, ich fragte sie, wie Freni es 
sehen würde. 

Der Brief ging an mich und es war an mir ihn zu beantworten oder eben nicht.

Ich, wir, können ihm nicht vergeben. Dazu hat er viel zu viel Schaden und 
Leid angerichtet. Die Schuld, welche er auf seinen Schultern trägt, die 
trägt er zu recht für das, was er getan hatte. Es ist nicht an mir ihm die 
Last, die Schuld, von seinen Schultern zu nehmen. 
Ich schrieb ihm, daß auch ich mich schuldig fühle, für das was geschehen ist.

Ich schrieb ihm, daß es zu spät sei um ihm jetzt zu vergeben. Im Grunde war 
es schon zu spät, als meine Familie damals starb. 
Ich schrieb aber auch, daß ich es anerkenne, daß er nach alle den Jahren 
immer noch um Vergebung bitten möchte. Ein schlechter Mensch hätte das wohl 
nicht getan, so jemand hätte es einfach verdrängt und verleugnet und ignoriert.
Ich schrieb ihm bezüglich, daß er und auch seine Familie die Bilder/Gesichter 
meiner Engel nicht vergessen werden, daß ich es hoffe, daß es so ist. Nicht 
damit er sich schlecht fühlt oder Alpträume hat, sondern damit meine Engel 
nicht vergessen werden. Ich möchte, daß er und seine Familie sich nicht an 
die Unfallbilder erinnern sondern an die anderen, die wunderbaren Menschen 
die sie waren. Meine Engel würden nicht zu ihm kommen um ihm Alpträume zu 
bringen sondern um ihm die Hand zu reichen. 
Ich schrieb ihm auch, was ich oben schon schrieb. Freni hätte ihm den Tod 
unserer Tochter auch nicht vergeben aber sie hätte auch nicht gewollt, daß 
wir im gegenseitigem Hass und negativen Gefühlen das Andenken an sie 
"beschmutzen". Sie war ein guter Mensch und sie hätte niemals gewollt, daß 
seine Familie derart wegen ihr leiden müsse. Sie hätte ihm nicht vergeben 
aber aufgefordert sich nicht um seine Schuldgefühle zu kümmern sondern um 
seine Familie, seinen Sohn. Seine Familie hat es nicht verdient ebenfalls 
darunter leiden zu müssen. 
Seine Pflicht sei nicht sich selbst zu bestrafen oder sich zu bemitleiden, 
seine Pflicht sei es, die beiden nicht zu vergessen. Er solle sich nicht 
an den Unfall und die Unfallopfer erinnern, daß sei vergangen. Er solle 
sich an die wunderbaren Menschen erinnern, Menschen die ein Teil seines 
Lebens wurden. Menschen die nicht gewollt hätten, daß er sich nun sein 
Leben lang Vorwürfe macht. Durch seinen Brief hätte er gezeigt, daß es 
ihm nicht egal ist und war und das er Anstand, Moral und Emotionen hat. 
Meine Engel hätten nicht gewollt, daß sich jemand schlecht fühlt oder 
sich sogar Vorwürfe macht, wenn ein guter Mensch an sie denkt. 
Meine Engel hätten nicht gewollt das wir unser Leben durch Vergeltung, 
Hass und Groll zu etwas schlechten machen. Von der Schuld, welche er 
trägt, kann ich ihn nicht befreien. Doch sie solle ihn auch nicht erdrücken.
Ich bat ihn darum, sich immer wieder an meine Engel zu erinnern, damit sie 
nicht vergessen werden. Aber er solle sich nicht an die Unfallopfer 
erinnern sondern an die Menschen welche sie waren. Es sollte nicht um 
den Unfall und die Schuldgefühle gehen, es sollte um die Erinnerung an 
die Menschen gehen. Er solle sich an die wunderbaren Menschen erinnern 
welche die beiden waren. Menschen die durch ihre Anwesenheit und dem 
Lächeln, welches sie einem schenkten, einen schlechten Tag zu etwas 
schönen machen konnten. Menschen welche einem an die Hand nehmen und 
in eine glücklichere Zukunft führen, wenn sie sehen, daß er sich schlecht 
fühlt. 
Ich möchte, daß er die beiden nicht vergisst aber wenn er an sie denkt, 
dann nicht mit Tränen in den Augen sondern mit einem Lächeln im Gesicht. 
Die beiden würden es nicht wollen und haben es auch nicht verdient, daß 
man sich schlecht fühlt wenn man an sie denkt. Wenn man an sie denkt, 
dann an die wunderbaren Menschen die sie waren welche einem ein Lächeln 
ins Gesicht zaubern.

Ich schrieb ihm auch, daß ich nach langer Zeit wieder jemanden gefunden habe. 
Also Ivie, und daß das Leben eben weitergeht. Das gilt auch für ihn.

Wir haben alle den Schmerz, die Trauer und das Leid in uns. Wir alle vergessen 
sie nicht und erinnern uns an sie und haben sie in unseren Gedanken. Aber auch 
wir erinnern uns nicht an die Unfallopfer. Wir erinnern uns an die Menschen 
welche unser Leben bereicherten und durch die Erinnerungen an sie es immer  
noch tun. Solange wir uns an die Menschen erinnern, solange werden sie weiter 
existieren. Deshalb sollten sie nicht auf die Unfallopfer reduziert werden. 
Wenn die Erinnerung an sie einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, dann 
existieren sie wirklich weiter. Und sie hätten gewollt, daß man sich so an 
sie erinnert und nicht mit Tränen in den Augen.

Wir können ihm nicht vergeben aber ich habe ihm für den Brief gedankt. Das er 
zeigt, daß auch er sie nicht vergessen hat und die Trauer und das Leid 
ebenfalls mit uns zusammen trägt. 

Menschen machen Fehler und manchmal haben sie katastrophale Auswirkungen. 
Mein Engel hätte ihm nicht vergeben aber sie hätte ihm die Hand gereicht und 
gesagt: Pass das nächste mal besser auf sonst müssen noch weitere Menschen 
leiden.

Der Ruf nach Vergeltung, Hass und Groll es ist immer so einfach. 
Die Emotionen bringen uns automatisch dazu. Vergeben und verzeihen ist nicht 
so einfach. Würde ich ihm vergeben so würde ich sagen: Ist ja nicht so schlimm, 
nimm es dir nicht so zu Herzen. Das kann ich nicht, denn es war und ist immer 
noch schlimm. Der Tod meiner Engel ist eine Katastrophe und keine Kleinigkeit, 
wie ein Knochenbruch, welche man mit Vergeben einfach als "nicht mehr schlimm" 
abwerten kann. 

Wir, die Familie meiner Engel, Trauern und fühlen immer noch den Schmerz. 
Doch es gibt keinen Ruf nach Vergeltung oder Hass oder Groll. 
Er begann einen schweren Fehler und ist sich seiner Schuld offenbar immer noch 
bewusst und hat die beiden nicht vergessen. Mehr kann man nicht verlangen. 
Das Leben geht weiter, für uns aber auch für ihn. 
Meine Engel hätten nicht gewollt, daß es jemandem wegen ihnen schlecht geht.
Sie hätten gewollt, daß er in die Zukunft schaut und glücklich wird und Glück 
verbreitet. Wenn er ein Lächeln im Gesicht hat, dann evtl. hin und wieder im 
Namen meiner Engel.


Meine Antwort war evtl. nicht das, was er erhofft oder erwartet hat. Aber ich 
kann ihm nicht sagen: Alles nicht so schlimm, vergiss es einfach. Denn, daß 
wäre gelogen. Ich möchte evtl., daß er sich seiner Schuld bewusst bleibt 
und ein schlechtes Gewissen hat. Aber auf der anderen Seite soll es nicht 
sein Leben bestimmen oder zerstören. Den richtigen Mittelweg zu finden oder 
ihm zu sagen wie er damit umgehen soll, ist nicht in meiner Verantwortung. 
Ich bin nicht Freni, irgendwie möchte etwas in mir schon, daß er leidet. 
Aber eben nur ein wenig. Aber ich möchte nicht, daß er etwas dummes tut 
oder andere leiden und das im Grunde im Zusammenhang mit meinen Engeln. 

Abschließen, nein, so einfach ist es nicht. 

Hass, es wäre so einfach und alles wäre klar aufgeteilt. 

Wenn mein Engel mir eines beigebracht hat, dann das: Wo wahre wirkliche Liebe 
ist und war, hat Hass keinen Platz mehr. 
Ich hasse ihn wirklich nicht. Ich denke, mein Engel wäre Stolz darauf.

Vielleicht ist es dumm von mir aber ich kann nicht anders.


Meine Antwort wurde auch von der Freundin meines Engels gelesen, sie akzeptiert 
meinen Brief. Ivie und Jaqueline finden, daß ich zu wage bin und mehr auf ihn 
hätte zugehen können. Die Mutter meines Engels las meine Antwort ebenfalls, 
evtl. weil ihr Mann, der Vater meines Engels, ihr gesagt hatte, daß sie es 
solle. 

Niemand ist wirklich zufrieden damit. Aber alle finden ihn ok. 
Hätte ich nicht geantwortet, ich hätte es mir wohl später vorgeworfen. Doch 
was soll man sonst schreiben? Die Vergebung welche er haben wollte, die kann 
ich ihm nicht geben.

Ivie und Jaqueline meinten, ich solle vergeben damit es damit zur Ruhe kommen 
kann. Beide kannten meine Engel, beide haben es damals mitbekommen. Jaqueline 
sicherlich sehr viel stärker. Jaqueline ist meine langjährige gute Freundin, 
ihre Meinung ist mir wichtig. Ebenso wie die Meinung von Ivie sehr große 
Bedeutung für mich hat. Aber ich kann nicht vergeben, es relativieren. 
Niemand aus der Familie würde ihm vergeben, selbst die mit denen ich in 
Frankreich allgemein über den Brief redete hätten nicht vergeben. Es wäre 
eine große Geste aber keiner von uns wäre dazu bereit. 
Würden Ivie und Jaqueline einen Brief schreiben, in dem sie ihm vergeben? 
Nein, würden sie nicht. Das sagten sie selbst.

Das das Thema dadurch wieder aktuell wird, daß stört mich nicht. Ich werde 
meine Engel nicht vergessen, sie zurück lassen. Sie sind sehr wichtige 
Menschen in meinem Leben und das werden sie immer bleiben. Wann immer das 
Thema auf sie kommt werde ich es nicht ignorieren oder verdrängen sondern 
immer dabei sein, über sie zu reden und an sie zu denken.

In Ägypten bauten sich Menschen große ewige Denkmäler, damit die Menschen sie 
nicht vergessen. Sie definierten das ewige Leben durch die Erinnerung an sie. 
Selbst nach tausenden von Jahren "existieren" sie immer noch in den Gedanken 
und den Büchern und in den Musen. Ihr Leben, ihre Handlungen, sie sind auch 
heute noch bekannt und existieren in den Erinnerungen und Gedanken der Menschen 
weiter. Sie pilgern sogar zu den Denkmälern und halten die Erinnerung an sie 
am Leben.

Meine Engel werden nicht vergessen werden.